Der Mullah und der reiche Mann
Der Mullah und der reiche MannEin Mann besaß alle Reichtümer dieser Welt und war auf der Suche nach innerem Frieden. Von vielen Leuten bekam er viele Ratschläge, aber nichts half. Eines Tages hielt ihn ein Mann, denn er gar nicht um Hilfe gebeten hatte, der in keiner Weise berühmt war, den man im Gegenteil für einen Idioten hielt, mitten auf der Straße an und sagte: »Du vergeudest nur unnötig deine Zeit. Das sind alles keine wirklich weisen Leute. Ich kenne sie. Aber weil ich der Dorftrottel bin, glaubt mir keiner. Vielleicht glaubst du mir auch nicht. Aber ich kenne einen wirklich weisen Mann. Ich habe gesehen, wie du dich abquälst und ständig auf der Suche nach Frieden bist. Und da habe ich mir gedacht, es wäre besser, dir gleich den richtigen Mann zu zeigen. Ich bin zwar nur ein Idiot, niemand fragt mich je um Rat und normalerweise würde ich mich hüten, Ratschläge zu erteilen. Aber dich so traurig und elend zu sehen hat mich umgestimmt. Es gibt da einen wirklich weisen Mann. Er wohnt gleich im Nachbardorf.«
Der reiche Mann bestieg sogleich sein edles Pferd und machte sich auf den Weg. Er kam an und fand den Mann. Den Sufis ist er als Mullah Nasrudin bekannt. Er fragte den Mullah: »Kannst du mir helfen, Frieden zu finden?« Der Mullah sagte: »Helfen? Ich kann ihn dir verschaffen!« Der Reiche dachte: Du liebe Zeit! Da schlägt mir dieser Idiot vor... und in meiner Verzweiflung habe ich gedacht es könnte nichts schaden, und bin hergekommen. Aber der da scheint ein noch größerer Idiot zu sein. Er hat gesagt: Ich kann ihn dir verschaffen.
»Kannst du das wirklich?«, fragte er. »Ich bin schon bei den verschiedensten Leuten gewesen, und alle hatten sie gute Ratschläge auf Lager: Tue dies, tue das, diszipliniere dich, übe Barmherzigkeit, hilf den Armen, stifte ein Krankenhaus – mal dies, mal jenes. Und ich habe jeden Rat befolgt, aber nichts hat geholfen. In Wahrheit ist alles nur noch schlimmer geworden. Und da sagst du, du kannst mir Frieden verschaffen?« Mullah meinte: »Das geht ganz leicht. Steige vom Pferd.« Der Reiche stieg mit seinem Beutel vom Pferd. Mullah fragte: »Was hast du da in deinem Beutel? Warum drückst du ihn so fest an dein Herz?«
»Da sind kostbare Diamanten drin. Wenn du mir Frieden verschaffen kannst, gehört der Beutel dir.« Doch bevor er sich versah, schnappte sich Mullah den Beutel und rannte damit weg. Der Reiche war einen Augenblick lang wie betäubt. Zuerst wusste er nicht, was er jetzt tun sollte; dann musste er wohl oder übel hinter dem Mullah herlaufen. Doch Mullah, der hier wohnte, kannte jede Straße und jede Abkürzung. Er rannte immer weiter. Der Reiche war noch nie in seinem Leben gerannt. Er war sehr fett geworden. Er weinte und keuchte und pustete. Tränen rannen ihm über die Wangen. »Man hat mich belogen und betrogen!«, jammerte er. Die«ser Mann hat mir alles geraubt, was ich mein ganzes Leben lang verdient habe. Alles ist futsch.«
Immer mehr Leute folgten ihm und alle lachten. »Spinnt ihr eigentlich?«, fuhr er sie an. »Gibt es hier lauter Verrückte? Man hat mich komplett ruiniert, und statt den Dieb festzuhalten, lacht ihr mich aus.« - »Er ist kein Dieb“, erwiderten sie darauf. »Er ist ein weiser Mann.“« – »Dieser Idiot aus meinem Dorf hat mir das eingebrockt«, dachte sich der Reiche. Doch er rannte weiter und schwitzte und blieb Mullah auf den Fersen, bis dieser an die Stelle unter dem Baum zurückgekehrt war, wo das Pferd stand. Er setzte sich mit dem Beutel unter den Baum und wartete, bis der Reiche jammernd und keuchend herbeigelaufen kam. Dann sagte der Mullah: »Da, nimm deinen Beutel!« Der Reiche presste den Beutel fest an sein Herz. Und Mullah fragte: »Wie fühlst du dich? Spürst du jetzt ein wenig Frieden?«
Der Reiche sagte: »Oh ja. Es fühlt sich alles sehr friedlich an in mir. Du bist ein merkwürdiger Mensch und hast merkwürdige Methoden.« Der Mullah meinte: »Ganz und gar nicht. Das ist nur simples Einmaleins. Was man hat, wird einem mit der Zeit selbstverständlich. Erst wenn man es verliert, erkennt man seinen wahren Wert. Du hast nichts dazu gewonnen. Es ist derselbe Beutel, den du ohne inneren Frieden mit dir herumgetragen hast. Und jetzt drückst du ihn ganz fest an dein Herz. Jeder kann sehen, wie friedvoll du dabei aussiehst – der reinste Weise! Und jetzt geh heim und lass uns in Ruhe.«
Unbekannt
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Liegt hier das Problem für uns? Ein Kind kommt unschuldig zur Welt. Als Heranwachsende sind wir bereit uns alles und jedes zu kaufen und mit unserer Unschuld dafür zu bezahlen. Wir sind bereit, uns jeden Mist andrehen zu lassen und unseren Mut oftmals dafür herzugeben. Erst wenn all dieser Kram in unserem Besitz ist und keine Freude und keine Erfüllung mehr darin zu finden ist – erst dann geht uns ein Licht auf.