Selbstcoaching
Das Ruderboot
Dies ist sicher eine der ungewöhnlichsten Methoden, um sich selbst kennen zu lernen. Immer wieder bin ich überrascht, wie wirkungsvoll und sicher diese Aufgabe ist. Sie können sich jetzt den Spaß machen und gleich weiterlesen und erfahren, warum diese Methode so spannend ist. Oder Sie nehmen sich zuerst ein Blatt Papier und schreiben einen Aufsatz mit dem Thema:
„Ich bin ein Ruderboot auf dem See“
Schreiben Sie einfach drauf los, eine oder zwei Seiten, Viel Spaß!
Erst öffnen, wenn Sie Ihren Aufsatz geschrieben haben
Dieser Ich-Check stellt Ihre momentane Lebenssituation mithilfe eines Ruderbootes (Metapher) dar.
Dieses Ruderboot, das Sie beschreiben, beschreibt Sie selbst.
Sie haben Ihren Aufsatz geschrieben?
Wie haben Sie Ihr Ruderboot beschrieben? Ist es morsch oder fährt es Menschen von einem Ufer zum anderen? Wie viele Paddel hat es? Ist der See ruhig oder unruhig? Rudert es von einem Ufer zum anderen und wieder zurück? Vielleicht rudert es einen Strom entlang? Ist es undicht und hat Angst unterzugehen? Ist es eventuell gar kein Ruderboot, sondern eine Yacht, oder eine Fähre? Fahren sie mit oder gegen den Strom? Fährt Ihr Ruderboot auf das offene Meer hinaus? Wie groß ist der See, auf dem das Ruderboot seine Fahrten unternimmt? Sind andere Boote zu sehen?
Falls Sie Ihren Aufsatz schon geschrieben haben, ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass Sie hier Ihr momentanes Leben, Ihre innersten Gefühle zu Papier gebracht haben. Sie werden den Zugang zu sich selbst über das Ruderboot erst intensiv verstehen, wenn Sie Ihren Aufsatz geschrieben haben. Einige Zugänge möchte ich Ihnen hier zu verstehen geben.
Ruderboot:
Sie selbst
Wie haben Sie Ihr Ruderboot (selbst) beschrieben?
Morsch:
Keine Energie mehr – überfordert
See:
Ihr Leben, Ihr Umfeld (wie groß ist der See? - so groß oder klein sehen Sie Ihr Umfeld)
Klarer See oder trüb?
Ihre unbewusste Energie, wie Sie Ihr Umfeld fühlen
Angekettet:
In der Freiheit behindert (Frage - wer oder was hat Sie angekettet?
Ufer:
gesetzte Grenzen
Alles was in diesem Aufsatz beschrieben wird, hat eine Bedeutung. Da es so viele Möglichkeiten gibt, die vorkommen können, möchte Ich Ihnen die Ruderboot-Methode mit Aufsätzen von Seminarteilnehmern vorstellen. Hier werden Sie sehr schnell lernen, wie wirksam die Aussagen das Leben widerspiegeln.
Hier einige Beispiele:
Ich bin ein Ruderboot auf dem See, ich transportiere die Menschen von einem Ufer zum anderen. Die Sonne scheint, und der See ist ruhig. Ich bin ein sehr großes Ruderboot, in dem viele Personen Platz haben. Die Menschen, die ich transportiere, sind neugierig auf das, was sie während der Fahrt sehen werden. Ich bin aus einem festen, guten Holz und sehr robust. Der See mündet in einen Fluss und das Ruderboot hat jederzeit die Möglichkeit, diesen Fluss, der sehr breit ist, stromabwärts zu fahren. Der See, auf dem das Ruderboot beheimatet ist, ist ziemlich klein, aber sehr romantisch und schön. Unterwegs begegnen dem Ruderboot andere Boote und Schiffe. Passagier-, Fracht- und Tankschiffe. Dem Ruderboot tun diese Schiffe leid, weil deren Passagiere nicht so nah am Wasser sind, wie das Ruderboot. Das Ruderboot kann fahren, wohin es möchte und wird von niemanden angekettet oder gehalten.
Am liebsten würde das Ruderboot auf das offene Meer hinausfahren, um zu einer großen Yacht zu werden, die sicher und voller Eleganz durch die Meere fahren kann.
***
Dieser Mensch ist momentan sehr glücklich (Sonne scheint, See ist ruhig) und selbstbewusst (großes Ruderboot, festes, gutes Holz). Er transportiert die Menschen (gibt ihnen Hilfe, ist für sie da). Dort wo seine Heimat, sein Umfeld ist, Wohnort oder Partner – fühlt er sich sehr wohl (romantischer See). Er fühlt sich jedoch eingeengt (kleiner See). Dennoch sieht er auch die Möglichkeit, jederzeit seinen Weg zu gehen (stromabwärts). Er sieht viele andere Boote und Schiffe (andere Menschen), wie Tanker (Menschen, die auftanken wollen), Passagierschiffe (Menschen die Freude, Spaß haben und etwas erleben wollen) und Frachter (Menschen mit Problemen – Fracht - Last tragen).
Ihm tun diese Menschen leid, er will ihnen helfen (sein Ruderboot transportiert gerne Menschen zu schönen Orten). Sein Boot ist nicht angekettet (er ist frei) und will auf das offene Meer hinaus (über alle Grenzen hinweg), um eine Yacht zu werden (Veränderung der Persönlichkeit)
***
Weitere Geschichten mit dem Ruderboot:
Ich bin ein sehr schnelles Ruderboot, das alle anderen hinter sich lässt. Der See ist sehr groß, die Wellen sind ziemlich hoch. Mein Ruderer hat viel Kraft und sieht sehr gut aus. Ich lasse mich gerne von ihm rudern, denn er weiß, wohin er rudern will. Manchmal habe ich aber Angst, dass die hohen Wellen mich zum Kippen bringen und ich untergehen werde.
***
Ich bin ein Ruderboot auf dem See, das sehr klein und aus morschem Holz ist. Ich liege so herum und jeder kann mich benutzen, wenn er will. Der See ist ziemlich trübe und die Ufer felsig. Es fahren andere, schönere Ruderboote herum mit fröhlichen Menschen darin. Sie winken mir zu und ich winke zurück. Es macht mir immer wieder Spaß, wenn diese Boote an mir vorbeifahren. Wenn mich keiner mehr braucht, liege ich wieder angekettet am Ufer und warte, bis wieder welche kommen, um mit mir zu fahren.
***
Ich bin ein neu angestrichenes Ruderboot. Es ist schon Herbst. Den ganzen Sommer wartete ich trostlos liegend auf dem See, ob jemand auf das Boot aufmerksam würde. Jetzt hat ein Mann das Ruderboot schöner gemacht. Es fühlt sich auf einmal sehr wohl. Es lässt auch nur Leute damit fahren, die es selber mag. Das Boot hat sich vorgenommen, einmal mit bestimmten, lustigen und vertrauenswürdigen Menschen hinaus zu anderen Seen zu fahren, um zu sehen, was es noch alles für Boote und Seen gibt. Vielleicht fährt es eines Tages sogar auf das Meer hinaus. Jetzt wo das Ruderboot überholt worden ist, ist es sicher, dass kein Wasser mehr hineinlaufen kann.
***
Ein unsichtbares Seil lässt mein Ruderboot nur bis zur Mitte des Sees fahren. Ich kann von dort aus so viele schöne Dinge sehen, allerdings nicht dorthin fahren. Immer wieder zieht mich das Seil an meinen Anlegeplatz zurück. Ich versuche aber immer wieder herauszufinden, ob ich nicht stärker bin als dieses Seil, um auch andere Ufer zu finden. Ich möchte gerne fahren, wohin ich will.
***
!!! Ein unsichtbares Seil lässt mein Ruderboot nur bis zur Mitte des Sees fahren. Ich kann von dort aus so viele schöne Dinge sehen, allerdings nicht dorthin fahren. Immer wieder zieht mich das Seil an meinen Anlegeplatz zurück. Ich versuche aber immer wieder herauszufinden, ob ich nicht stärker bin als dieses Seil, um auch andere Ufer zu finden. Ich möchte gerne fahren, wohin ich will.
***
Sie werden viele Situationen Ihres Lebens jetzt klarer sehen können. Lassen Sie den Stift beim schreiben Ihrer Ruderboot-Geschichte einfach nur auf dem Papier gleiten. Denken Sie dabei nicht nach – schreiben Sie einfach drauf los. Auch wenn Sie jetzt die Hintergründe des Ruderbootes schon etwas erkennen können und vielleicht denken, dass Sie doch wieder mehr aus dem Verstand, dem Ratio schreiben. Probieren Sie es aus, Sie werden überrascht sein, wenn Sie Ihre Geschichten lesen werden. Denken Sie immer beim ansehen Ihres Bootes daran, welche Bedeutung es für SIE SELBST hat!
Wie – das soll alles sein?
Vielleicht kennen Sie den Film: Das Schweigen der Lämmer?
Ein knallharter Thriller und wahrscheinlich nicht jedermanns Geschmack. Dieser Film ist für viele Menschen, die sich mit Psychologie beschäftigen ein absoluter Kultfilm geworden. Die wichtigste Botschaft dieses Filmes war für mich ein einziger Satz, der mein Leben völlig veränderte. Seit dem verstehe ich die Dinge um uns herum genauer und kann sie besser einordnen. In der betreffenden Szene besucht eine FBI-Agentin im Gefängnis einen Mörder. Dieser hat die Morde mit den gleichen Ritualen verübt, wie der gesuchte Mörder. Die Agentin besucht den Gefängnisinsassen (unglaublich gespielt von Anthony Hopkins) immer wieder, in der Hoffnung, dass er Ihr Zugänge zu den Verhaltensweisen des anderen, gesuchten Mörders gibt. Der Gefängnisinsasse ist Psychologe. Erst nach dem dritten oder vierten Besuch gibt dieser Mann den entsprechenden Hinweis. Er kennt den Täter ebenso wenig wie die Agentin. Diese sucht nach einem Motiv der bestialischen Morde. Nach langen und sehr interessanten Dialogen kommt der entscheidende Hinweis. Der Insasse gibt der Agentin folgenden Satz mit:
„Was ist das Ding an sich,
was ist seine Natur?“
Ich habe diesen Satz leicht verändert:
Was ist das Ding an sich,
was ist seine Funktion?
Was sagt es aus, wenn ein Ruderboot morsch ist? Was bedeutet es, wenn es aus festem Holz ist? Was ist das Ding an sich, wenn der See für den Teilnehmer sehr klein ist? Was, wenn der Wunsch da ist, diesen See verlassen zu wollen? Wie ist es zu deuten, wenn das Ruderboot benutzt wird, oder angekettet ist?
Bei allem was Sie in Ihrer Geschichte entdecken, stellen Sie sich immer die Frage, was die Funktion von…… ist!
Ihre Ruderboot-Geschichte zeigt Ihnen sehr deutlich, wer Sie momentan wirklich sind (innerlich).
Gefällt Ihnen Ihr Ruderboot, der See, das Ufer, die Situation?
Prima wenn es so ist – oder?
Gefällt Ihnen Ihre Geschichte nicht, dann schreibe Sie sie einfach neu, und zwar so, wie Sie sie haben möchten. Klingt ja sehr einfach – stimmt´s?
Ich kann mich noch sehr gut an eine Teilnehmerin erinnern, die ihre Geschichte veränderte. Sie sagte mir, sie hätte die größten Blockaden gehabt, als sie ihr Ruderboot von der Kette gelöst hat. Als sie am schreiben war und ihr Boot sich vom Ufer endlich lösen konnte, passierten unglaubliche Dinge für sie. Sie beschrieb eine völlig neue Ruderboot-Welt und sie schwor sich, diese Welt unbedingt erleben zu wollen. Sie hat es wahrgemacht. (Auszüge Ihres Aufsatz finden Sie als letzte Geschichte - mit drei Ausrufezeichen !!! gekennzeichnet
Das ist Ihre neue Geschichte:
Ich bin nicht mehr das angekettete Ruderboot. Ich löse mich von meiner Halterung. Etwas unsicher und orientierungslos treibe ich in Richtung Mitte des Sees, damit mich niemand zurückholen kann. Menschen, die ich sehr schätze haben sich erzählt, dass diese See in einen Fluss mündet und der Fluss wiederum in ein Meer. Und dass es Strömungen gibt, die den Weg dorthin zeigen.
Erfüllt von der Sehnsucht nach dem hellblauen Meer finde ich direkt den Weg zum Fluss. Wind, Wetter und sonstige Ereignisse haben mich zwar etwas abgestoßen und äußerlich mitgenommen, doch treibt mich eine starke Strömung direkt ins Meer. Überwältigt von der Schönheit und der unendlichen Weite oberhalb und unterhalb des Meeres, lerne ich die Unendlichkeit des Seins zu begreifen. Ich fühle mich nicht mehr als Ruderboot, sondern als Teil dieses Ganzen.
Ich bin still geworden – es ist in mir. Die Gefühle und Bilder von diesem sichtbaren Wunder nehme ich auf und beschließe, von nun an meine Ruder selbst in die Hände zu nehmen. So kann ich überall dorthin, wo es für mich schön ist und ich glücklich bin. Und wo ich wichtige und sinnerfüllte Dinge tue. Manchmal treibe ich still, ein anderes Mal tanze ich übermütig auf den Spitzen der Wellen. Ich freue mich, dass ich lebe!
Noch ein Tipp: Der Kurz-Check
Sie sollten Ihr Ruderboot eins-zweimal im Jahr neu anschauen. Dafür brauchen Sie nicht immer einen Aufsatz schreiben (obwohl dort mehr zu erfahren ist). Für einen Kurz-Check schließen Sie einfach die Augen und stellen sich Ihr Ruderboot vor - und den See. Meditieren Sie leicht und schauen sich die Situation genau und in Ruhe an. Was ist gut und was weniger gut? Was können Sie aus Ihrem Bild erkennen, was in Ihrer momentanen Situation übertragbar ist? Dann ändern Sie es zunächst am Ruderboot. Ihr Unterbewusstsein checkt das schon und fängt an Sie in der Realität zu unterstützen.